Spatz am Dach

Spatz am Dach im Juli

Was hat er denn bloß, der Spatz? Er hockt im Rotdorn, tief im Schatten der Baumkrone, so gut wie nicht zu sehen, aber er schimpft aus Leibeskräften. Ärgert ihn, dass das Frühjahr erst mit Verspätung gekommen ist? Das könnten wir ja verstehen, wir waren auch nicht froh darüber, dass es an Pfingsten kälter war als sonst im Fasching und dass wir die Heizung gebraucht haben bis in den Juni. Oder ist er zwider, weil die Biergärten erst Ende Mai geöffnet haben? Für ihn war das unbegreiflich, wo in anderen Jahren die Menschen schon im Wintermantel heraußen gesessen sind, lang vor Ostern.

Wie es ausschaut, hat er seine Brut trotzdem aufziehen und satt kriegen können. Die Jungen sehen ganz munter aus und es hat den Anschein, dass sie auch nicht wissen, was den Alten so erbost. Die Politik kann s eher nicht sein, Spatzen haben weder eine Regierung noch eine Wahl, sie täten sich auch nicht sagen lassen, was sie zu tun haben, wär ja noch schöner. Darum können sie auch keinen verantwortlich machen, wenn etwas nicht funktioniert.

Nicht ganz unmöglich scheint es, dass er sich den Grant von den Menschen abgeschaut hat. Denen geht es ja auch eigentlich gut. Sie frieren nicht, sie hungern nicht, sie leiden keinen Durst. Seit den letzten Maitagen dürfen sie auch wieder beisammen sitzen, wenigstens im Freien. Aber jubeln sie jetzt vielleicht vor Freude über das frisch vom Fass gezapfte Bier, das sie ein halbes Jahr vermissen mussten? Fallen sie sich um den Hals, „mei schee dass i wieder di siehg und need bloß dei Maskn“? Von wegen.

Jetzt schimpfen sie über den Stau beim Impfen, oder auch auf die Zumutung, überhaupt zum Impfen gehen zu müssen, schimpfen über die Schulen, wo die armen Kleinen sich testen lassen müssen oder auch überhaupt auf die Schulen, wo Home-Schooling doch so schön war, schimpfen über die Deppen an der Regierung, die den Lukaschenko nicht einfach einfangen und vor Gericht stellen oder auch über Regierungs-Anwärter, die der Ukraine Waffen versprechen, schimpfen kreuz und quer durcheinander, als ob Schimpfen das Schönste wäre, was ihnen das Leben zu bieten hätte.

Ich glaube, der Spatz hat ihnen zugehört, nicht ganz verstanden, worum es geht, aber dann einfach ausprobiert, wie wohl dem ganzen Lebensgefühl so ein aus tiefstem Herzen unzufriedener, erz-ungut saugrantiger „Ziiiiep“-Schrei tut.

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