Spatz am Dach

Die Spatzen von Tittmoning haben eine Einladung erhalten. Sie sollen an der Landes-Dachrinnen-Schau teilnehmen. An der hää?! So was gibt s doch gar nicht! Oder doch? Also: Es gibt da in München eine „Bayerische Gesellschaft zur Förderung der Wohnkultur von Stadtsperlingen mbH“. Die ist von ehrenwerten Stadtvögeln gegründet worden, weil die Menschen dazu neigen, ihre Häuser immer glatter zu bauen und statt sie mit anständigen Ziegeldächern und wohnlichem Dachüberstand zu versehen, Flachdächer bevorzugen mit dem Charme einer alten Schuhschachtel. Die Stadtvögel pflegen eine erfreuliche Nähe zu den Menschen, die in den zahlreichen Behörden den Ton angeben. Den Sommer über machen sie auf und neben den Parkbänken gemeinsam Brotzeit und haben daher ein Vertrauensverhältnis zu einander.

Also: die Stadtvogel-GmbH teilt jetzt dieses Vertrauen mit den Haussperlingen im ganzen Land und bietet ihnen die einmalige Chance, auf ihre windigen Dachrinnen, unter denen sie nisten müssen, aufmerksam zu machen. Nicht etwa auf die wehleidige Art, „der Passer domesticus verdient Euer Mitleid“, sondern ganz im Gegenteil, indem die wunderbar heimeligen Dachrinnen-Unterseiten mit besonders hübsch gepflegten Nesterln und mit wohlerzogenen Spatzerln präsentiert werden, die alle das traditionell hymnische Ziiiep singen können. Auf so eine Schau, sagen die Stadtvögel, werden ganze Schwärme Spatzen von überall her zu Besuch kommen, worauf die Behördenvertreter ob ihres Vertrauensverhältnisses erkennen, dass sie den Lebensraum der Spatzen großzügig in alle Zukunft erhalten müssen.

Also bitte – das leuchtet nun wirklich jedem Spatzenhirn ein, sagen die Stadtvögel, und tatsächlich glauben immer mehr einheimische Ziepsager, dass die Idee, zumindest im Prinzip, gut sei. Aber Auweia! Wenn es an die Baumaßnahmen an den Nestern und die Verschönerung der Dachrinnen-Unterseiten geht, sträubt sich bei ganz vielen das Gefieder. Wir sind doch nicht blöd und gehen in Vorleistung, wenn wir noch gar keine genauen Zahlen haben, was das bringt. Und überhaupt birgt der Andrang von Besucherschwärmen auch Risiken. Wir haben nicht einmal ein Hotel für Menschen, geschweige denn Raststätten für Vögel, vom ökologischen Chaos, das die verursachen, ganz abgesehen. Und schon setzt ein wütendes Ziepen und Pecken ein, Federn fliegen und Staub wirbelt auf. Ob sich das Gewurl je wieder legt?

Der Spatz, der am Dach droben, der immer so gscheit daherziept, lässt sich auf keine Wette ein. Mir gfällt s auch so, sagt seine Frau. Dem kann er nicht widersprechen.